INGWER – Von der Magie zur Medizin

Ingwer ist weit mehr als ein scharfes Gewürz. Seit Jahrtausenden begleitet das Rhizom den Menschen als Heilmittel, Ritualpflanze und Handelsware – und steht heute exemplarisch für den Übergang von traditioneller Erfahrungsmedizin zur evidenzbasierten Phytotherapie. Seine Scharfstoffe regen Verdauung und Durchblutung an, wirken antioxidativ und entzündungshemmend – mit einem Potenzial, das längst noch nicht ausgeschöpft ist.

Im Jahr 2026 wurde Ingwer zur Arzneipflanze des Jahres gekürt.

Botanik und Herkunft

Botanisch handelt es sich bei Ingwer ( Zingiber officinale Roscoe) um eine ausdauernde, schilfartige Pflanze aus der Familie der Ingwergewächse (Zingiberaceae). Das genutzte Pflanzenorgan ist ein kräftig verzweigtes, unterirdisches Rhizom – kein Wurzel- oder Knollengebilde, auch wenn diese Bezeichnungen im Alltag verbreitet sind. Dieses Rhizom ist Speicherorgan, Überdauerungsform und Wirkstoffträger zugleich: das eigentliche Zentrum der Pflanze.

Die Herkunft des Ingwers liegt in den Tropen Südostasiens. Eine Wildform ist heute nicht mehr bekannt; seit Jahrtausenden wird Ingwer ausschließlich vegetativ vermehrt. Große Anbaugebiete finden sich in Indien, China und Nigeria, zunehmend auch in Gewächshauskulturen Europas. Die lange Kulturgeschichte hat den Ingwer vollständig in menschliche Nutzung integriert – eine Pflanze, die ohne den Menschen kaum mehr existiert.

Duft, Schärfe und chemische Signatur

Frischer Ingwer besitzt ein aromatisch-zitroniges Bouquet mit charakteristischer Schärfe. Diese geht vor allem auf die Gingerole und Shogaole zurück, ergänzt durch ätherische Öle, Harze und mehr als 40 antioxidativ wirksame Verbindungen. Die chemische Zusammensetzung variiert deutlich nach Herkunft: Nigerianischer Ingwer ist besonders reich an Gingerolen, indischer enthält höhere Anteile an Limonen, madagassischer Ingwer gilt als außergewöhnlich duftstark – eine Eigenschaft, die ihn auch für die Parfümindustrie interessant macht.

Schon Hildegard von Bingen war er bekannt

Der Name „Ingwer“ leitet sich aus dem Sanskrit srngaveram („Hornwurzel“) ab – über das Griechische ziggiberis und lateinische zinziberi fand er im Altenglischen zu gingivere. Schon in der Antike galt Ingwer als Luxusgut. Im römischen Kochbuch des Apicius wird er vielfach genannt; über Handelsrouten des Schwarzen Meeres und Venedig gelangte er nach Europa. 

Seit dem Mittelalter ist Ingwer Bestandteil jeder Apotheke – dem Officium, dem Vorraum einer Apotheke, daher auch sein Artname „Officinale“. Als Bestandteil jener duftenden „Gewürzbeutel“, trug man gegen die Pest um den Hals. Reiche genossen ihn kandiert („grüner Ingwer“), während er in der Volksmedizin als Hausmittel gegen Husten, Magenbeschwerden und „Sommerdiarrhoe“ galt.

Auch Hildegard von Bingen kannte seine Wirkung: Ingwer solle, so schrieb sie, „im Magen besser machen“, nicht aber von Gesunden als Genussmittel verwendet werden.

„Der Ingwer ist warm und hat Maß.
Wer Ingwer isst, macht den Magen weich und öffnet ihn,
und er reinigt die schlechten Säfte im Magen
und macht den guten Saft gut.“
(Hildegard von Bingen, Physica, Buch I)

Inhaltsstoffe und Wirkmechanismen

Die pharmakologisch bedeutsamsten Verbindungen sind die Gingerole, Shogaole und Zingeron, ergänzt durch Sesquiterpene wie Zingiberen und Curcumen. Sie wirken antioxidativ, entzündungshemmend und antimikrobiell. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Ingwer-Extrakte an Rezeptoren der Magenwandmuskulatur binden und so die Magenentleerung beschleunigen – ein Mechanismus, der bei funktioneller Dyspepsie und Reizdarmsyndrom lindernd wirkt. 

Bereits seit den 2000er-Jahren ist Ingwer auch medizinisch gegen Schwangerschaftsübelkeit anerkannt. Klinische Studien belegen eine signifikante Linderung von Übelkeit und Erbrechen ohne Nebenwirkungen – ebenso bei Seekrankheit, Narkose und Chemotherapie.  Auch für den Gastrointestinaltrakt sind die Daten eindeutig: Ingwer reduziert Blähungen und Völlegefühl, fördert die Verdauung und wirkt krampflösend

Wie der Tropenmediziner und Autor Hinrich Sudeck schreibt, gehört Ingwer zu den am besten erforschten Heilpflanzen der Welt. In seinem Beitrag „Wunderwurzel – Ingwer“ (Effilee 2025) beschreibt er ihn als „eine Gabe der Natur mit einzigartigem Geschmack, vielen interessanten Eigenschaften und großem Potenzial für die Medizin der Zukunft.“ Seine persönliche Beobachtung als Arzt, dass Ingwer in Nigeria traditionell gegen Übelkeit und Infekte genutzt wird, findet heute in modernen klinischen Studien Bestätigung.

Darüber hinaus zeigen zahlreiche experimentelle Studien vielversprechende Wirkungen bei chronischen Entzündungen: 2020 konnte eine iranische Forschergruppe nachweisen, dass Gingerole die Aktivität entzündungsrelevanter Gene bei rheumatoider Arthritis hemmen. In der Hausmedizin bewährt sich der klassische Ingwerwickel bei steifen Gelenken oder Erkältungen – eine äußere Anwendung, die auf diesen Effekten beruht. 

Moderne Forschung und neue Perpektiven

In den letzten Jahren haben sich die Forschungsfelder um Ingwer deutlich erweitert. Neben den klassischen Wirkungen auf Magen und Kreislauf rücken nun auch antitumorale, antioxidative und immunmodulierende Eigenschaften in den Fokus. Im Reagenzglas hemmen Gingerole das Wachstum von Krebszellen, fördern die Apoptose und wirken in Modellen synergistisch mit Chemotherapeutika (Radhakrishnan et al., PLoS One 2014; Frontiers in Immunology 2024).

Besonders spannend ist auch die Rolle des Ingwers im Mikrobiom: Er scheint die Darmflora positiv zu beeinflussen, indem er das Verhältnis von nützlichen Bakterien wie Lactobacillus und Bifidobacterium fördert. (Liang et al., Phytomedicine Plus 2023; Wang et al., Frontiers in Nutrition 2024).

Anbau und Qualität

Ingwer bevorzugt tropisch-warme, feuchte Standorte. In Mitteleuropa gedeiht er nur im Gewächshaus oder im Topf an geschützten, hellen Plätzen. Das Rhizom wird vegetativ vermehrt: Man teilt es in Stücke mit je einem Knospenauge und setzt sie in humose, gut durchlässige Erde. Staunässe verträgt Ingwer nicht, gleichmäßige Feuchte ist aber entscheidend. In der Wachstumszeit von Mai bis Oktober dankt er regelmäßige Düngergaben und leichte Bodenwärme mit kräftigem Rhizomwachstum. 

Weltweit führen Indien und China die Produktion an. In Europa stammt Importware meist aus Peru oder Nigeria. Der Gesamtimport nach Deutschland lag 2021 bei rund 31 600 Tonnen im Wert von über 70 Millionen Euro – ein Anstieg, der nicht zuletzt während der Corona-Pandemie mit der verstärkten Selbstmedikation zusammenhing. 

Die Qualität wird stark durch Herkunft und Verarbeitung bestimmt: Schonendes Trocknen und eine kontrollierte Lagerung bewahren die wertvollen Gingerole, während zu hohe Temperaturen sie in Shogaole umwandeln. Analysen zeigen, dass die Schärfe und Wirksamkeit direkt vom Anbaugebiet und den Verarbeitungsbedingungen abhängen. Getrockneter Ingwer kann gelegentlich mit dem Pilzgift Ochratoxin A belastet sein – ein weiteres Argument für sorgfältige Kontrolle und Qualitätsware. 

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Dezemberausgabe von ‚Obst & Garten‘ (Ulmer Verlag). Als Autorin freue ich mich, diese fundierten Inhalte nun auch in meinem digitalen Archiv auf www.wiesengenuss.de für euch bereitzustellen.

Links & Quellen

Wiesengenuss von A-Z

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ingwer-zur-arzneipflanze-des-jahres-gekuert-161656

Hinrich Sudeck: Die Wunderwurzel, die gegen alles hilft, Effilee 25.10.2025

https://de.wikipedia.org/wiki/Ingwer

https://www.obst-und-garten.de/themen/gartengestaltung-lifestyle/article-8293365-205126/ingwer-.html

https://flexikon.doccheck.com/de/Ingwer

Bildquellen

Alle Bilder (c) Ute Mangold, wiesengenuss bis auf

Illustration Ingwer von Franz Eugen Köhler – The Internet Archive Köhlers Medizinal-Pflanzen in naturgetreuen Abbildungen und kurz erläuterndem Texte, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=255480






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